alles oder alles
oft zweifle ich. soweit meine erinnerungen einigermaßen kontinuierlich zurückreichen (ca. bis zu meinem 15. lebensjahr), wollte ich schreiben, so etwas wie ein schriftsteller werden. auf jeden fall: jemand, der die meiste zeit mit schreiben verbringt. mittlerweile mache ich auf einer gewissen ebene das gegenteil: ich lese. sicherlich ist lesen ein für das schreiben unfassbar wichtiger prozess, dennoch kann das nicht über die tatsache hinwegtäuschen, dass es eines nicht ist: schreiben. ich studiere literaturwissenschaft (hauptsächlich) und befasse mich jeden tag mit texten und ich liebe das auch, aber auch das ist nicht: schreiben. es erweitert meinen horizont und es verändert mit jedem tag meine sicht auf die literatur, auf texte und die autorschaft, auf das, was literatur kann, was sie nicht kann, was sie bewirken kann und wie sie funktioniert, aber: ich schreibe nicht.
oft zweifle ich, dass ich nicht genug mut habe: den mut alles aufzugeben, alles abzubrechen, auszuwandern, wegzulaufen, nach paris, tokyo, new york, london oder auch einfach nur das schnöde berlin. bonn erleichtert mir als passende umgebung, als helfender kontext recht wenig. ich kann aber nicht abschätzen inwieweit die flucht des einsamen autors nur eine romantische vorstellung vom schriftstellertum ist. das spricht von einer großen risikobereitschaft, einhergehend mit einer gewissen leidenschaft. aber soll es das sein? leidenschaft für texte, für das schreiben — bedeutet das nicht die nötige distanz zu verlieren? worte sind glühende messer, die dir das herz rausschneiden und denen man daher eiskalt begegnen sollte, damit man sie entwaffnen kann und zum eigenen werkzeug machen kann.
oft zweifle ich und manchmal bekomme ich keine luft mehr deswegen. wenn ich angst bekomme, dass ich eine grenze übertreten habe und deshalb immer nur auf der seite des lesenden stehen werde; meine mich festigende vorstellung nicht mit meinen taten übereinstimmt. dann zerreißt es mich innerlich, es zerschmettert aber nicht den damm aus möglicher faulheit, der die worte zurückhält und das lässt zwei mögliche schlüsse zu: es sind entweder gar keine sich stauenden worte in mir oder ich muss den damm mit bloßen händen abtragen. ich fürchte ersteres und befürchte zweiteres, wenngleich das bedeutet: was mir dabei in sätzen von der stirn tropft, wird das bassin schon füllen und zum fluss werden, wenn das loch durchstoßen ist.
oft zweifle ich und genau dann schreibe ich nicht. es wäre der einzige weg, ein weg, der mich abstößt. ich treibe durch das gestrüpp neben ihm und verfange mich in albernen metaphern: als ob es nicht auch anders ginge. deshalb gibt es ab jetzt den »writing monday«, an dem ich jede woche hier hoffentlich feierlich kundtun kann: ja, ich habe geschrieben. letztendlich sieht es doch so aus: die wahl »alles oder nichts« stellt sich mir nicht, darf sich mir nicht stellen, sondern: alles oder alles. ob in paris, allein, in einer dachkammer, camille heißend oder hier, neben dem studium, ohne viel zeit und dafür mit viel faulheit. das alles kann auch alles sein, also auch das: schreiben.
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